Viktorianische Mode der 1850er Jahre: Volants, Pagodenärmel und die Kunst der Fülle

Viktorianische Mode der 1850er Jahre: Volants, Pagodenärmel und die Kunst der Fülle

Nachdem die Krinoline die Grundlage für die gewaltigen Rockformen geschaffen hatte, begann eine neue Entwicklung. Die Röcke wurden nicht nur größer, sondern auch immer aufwendiger verziert.
Die Mode der 1850er Jahre liebte Fülle. Je weiter ein Rock wurde, desto mehr Stofffläche stand für Dekoration zur Verfügung. Volants, Rüschen, Spitzen und Besätze bedeckten ganze Kleider und verwandelten die Rockform in ein beeindruckendes Schaustück modischer Handwerkskunst.

Die Entwicklung verlief erstaunlich schnell. Um 1840 genügte oft ein einzelner Volant am Rocksaum. Bereits um 1846 wurden Kleider mit bis zu neun Volants beschrieben. In den frühen 1850er Jahren finden sich Beispiele mit fünfzehn oder mehr Volants, und gegen Ende des Jahrzehnts waren Kleider mit fünfundzwanzig Volants keine Seltenheit mehr. Die Mode bewegte sich immer stärker in Richtung sichtbarer Fülle, Dekoration und luxuriöser Wirkung.
Besonders eindrucksvoll ist die Überlieferung eines Ballkleides von Kaiserin Eugénie aus dem Jahr 1859, das angeblich mit 103 Tüllvolants verziert war. Ob Rekord oder Ausnahme – dieses Beispiel zeigt, wie sehr die Mode dieser Zeit den dekorativen Überfluss liebte.
Dabei ging es nicht nur um Schönheit. Die Menge an Stoff wurde auch zu einem sichtbaren Zeichen von Wohlstand. Wer viele Meter Stoff, feine Spitzen und aufwendige Verzierungen tragen konnte, demonstrierte Geschmack, gesellschaftliche Stellung und finanziellen Spielraum.

Die Pagodenärmel – Fülle nicht nur am Rock

Die Vorliebe für Volumen beschränkte sich nicht auf die Röcke. Auch die Ärmel wurden im Laufe der 1850er Jahre immer auffälliger und entwickelten sich zu einem wichtigen Gestaltungselement der viktorianischen Mode.

Zu Beginn der 1840er Jahre waren die Ärmel noch vergleichsweise schlicht. Sie lagen eng am Arm an und unterstützten die insgesamt zurückhaltendere Silhouette dieser Zeit.

Mit der zunehmenden Beliebtheit der Krinoline änderte sich jedoch auch die Form der Ärmel. Um die Mitte des Jahrhunderts setzte sich der sogenannte Pagodenärmel durch. Er lag am Oberarm eng an und öffnete sich vom Ellenbogen abwärts in einer weiten, glockenförmigen Form. Diese charakteristische Silhouette bestimmte fast ein ganzes Jahrzehnt lang das Erscheinungsbild vieler Tages- und Gesellschaftskleider.

Da die weiten Ärmel den Unterarm freiließen, wurden darunter oft separate Unterärmel getragen. Besonders beliebt waren weiße Unterärmel aus feinem Batist, die mit Spitzen, Stickereien oder Rüschen verziert wurden. Dadurch entstand eine zusätzliche Ebene aus Stoff und Dekoration, die den Eindruck von Fülle und Eleganz noch verstärkte.

Wie bei den Röcken nahm auch bei den Ärmeln die Verzierung zu. Volants, Spitzenbesätze und geraffte Stofflagen schmückten die Ärmelöffnungen und griffen die reich dekorierten Rockpartien optisch auf.

Zeitgenössische Berichte erwähnen sogar, dass besonders voluminöse Ärmel gelegentlich durch feine Stahlreifen oder andere Verstärkungen gestützt wurden, damit sie ihre gewünschte Form behielten. Die Mode der 1850er Jahre strebte also nicht nur nach Größe, sondern auch nach einer kontrollierten und ausgewogenen Silhouette.

Die Pagodenärmel zeigen eindrucksvoll, wie konsequent die viktorianische Mode das Ideal von Volumen und dekorativer Fülle verfolgte. Während die Krinoline den Rock verbreiterte, sorgten die Ärmel dafür, dass die gesamte Silhouette harmonisch wirkte.


Eleganz begann am Ausschnitt

Während Röcke und Ärmel immer aufwendiger wurden, richtete sich auch große Aufmerksamkeit auf den Ausschnitt. In der Mode der 1850er Jahre galt ein freier Hals als besonders elegant. Gesellschafts- und Abendkleider besaßen häufig weit ausgeschnittene Dekolletés, die die Schultern und den oberen Brustbereich betonten.

Dabei war der Ausschnitt selten schlicht gehalten. Spitzen, Schleifen, Bänder und feine Stickereien rahmten ihn kunstvoll ein und verliehen dem Kleid zusätzliche Eleganz. Auch Schmuck spielte eine wichtige Rolle. Halsketten, Broschen und dekorative Verzierungen sollten den Blick auf den Ausschnitt lenken und die Wirkung des gesamten Kleides verstärken.

Wie tief ein Ausschnitt sein durfte, hing stark vom Anlass ab. Je festlicher und gesellschaftlich bedeutender die Veranstaltung war, desto großzügiger durfte das Dekolleté ausfallen. Abendgesellschaften, Bälle und höfische Anlässe erlaubten deutlich tiefere Ausschnitte als die Tagesmode.

Zusammen mit den weiten Pagodenärmeln, den zahlreichen Volants und den imposanten Krinolinen entstand so das charakteristische Erscheinungsbild der mittleren viktorianischen Mode: eine Silhouette, die Größe, Dekoration und Eleganz miteinander verband.

Leichte Stoffe für große Silhouetten

Die immer weiter werdenden Röcke stellten nicht nur neue Anforderungen an die Konstruktion der Kleider, sondern auch an die verwendeten Materialien. Mit der wachsenden Beliebtheit der Krinoline änderten sich daher auch die Stoffvorlieben der Modewelt.

Während schwere Stoffe bei den enormen Rockweiten schnell zu belastend geworden wären, setzte man zunehmend auf leichtere und luftigere Materialien. Besonders beliebt waren Krepp, Gaze, Musselin, Organza, Grenadine und Atlas. Diese Stoffe ermöglichten es, große Stoffmengen zu verarbeiten, ohne die Beweglichkeit vollständig einzuschränken.

Die leichten Materialien verliehen den Kleidern Transparenz, Weichheit und Eleganz. Volants, Rüschen und dekorative Stofflagen konnten dadurch reichlich eingesetzt werden, ohne dass die Silhouette schwer oder plump wirkte.

Gerade diese Kombination aus gewaltigen Rockformen und vergleichsweise leichten Stoffen prägte das Erscheinungsbild der mittleren viktorianischen Epoche. Die Mode strebte nach Größe und Fülle, wollte dabei aber dennoch Anmut und Leichtigkeit bewahren.

Erst durch diese neuen Stoffvorlieben konnten die imposanten Krinolinenkleider ihre volle Wirkung entfalten und zu einem der bekanntesten Modebilder des 19. Jahrhunderts werden.

Rückblickend wirkt diese Mode fast verschwenderisch. Doch gerade diese Lust an Dekoration macht den besonderen Reiz der mittleren viktorianischen Epoche aus. Die Krinoline schuf die Bühne – Volants, Spitzen, Pagodenärmel und leichte Stofflagen lieferten die Inszenierung.

Kaum eine andere Epoche verband Größe, Dekoration und handwerklichen Aufwand so konsequent wie die Mode der 1850er Jahre.

Werbung in eigener Sache: Historische Mode-Inspiration und Studien zu Kleidung vergangener Epochen.

Wenn du tiefer in die Form, die zeitliche Einordnung und die Bedeutung eines Kleides dieserZeit eintauchen möchtest, findest du hier die Ausarbeitung.

(Dort enthalten: Analyse, Einordnung, Materialbetrachtung und eine Skizze zum Ausmalen)

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar