Die Welt der Barockmode – Teil 8

Die Welt der Barockmode – Teil 8

Hinter den Kulissen der Barockmode – Schneiderhandwerk, Schnitt und die Entstehung eines Gewandes

Wenn heute ein barockes Kleid auf einem Gemälde betrachtet wird, fallen zuerst die prachtvollen Seidenstoffe, Stickereien, Spitzen und die außergewöhnliche Silhouette ins Auge. Doch hinter dieser sichtbaren Pracht stand ein Handwerk, ohne das die Mode der europäischen Höfe nicht denkbar gewesen wäre: das Schneiderhandwerk.

Ein Kleidungsstück des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts entstand nicht einfach aus kostbarem Stoff und einer guten Idee. Zwischen Stoffballen und fertigem Gewand lagen Fachwissen, geometrisches Verständnis, Zuschnitt, Handarbeit und zahlreiche einzelne Arbeitsschritte.

Und manches davon kommt einem heutigen Schneider erstaunlich vertraut vor.

Andere Arbeitsweisen dagegen zeigen, wie sehr sich das Handwerk in den vergangenen vier Jahrhunderten verändert hat.

Schneiderhandwerk war ein erlernter Beruf

Wer im Barock hochwertige Kleidung herstellen wollte, benötigte weit mehr als Geschick mit Nadel und Faden. Das Schneiderhandwerk war ein spezialisiertes Gewerbe, dessen Ausübung vielerorts durch Zünfte und Berufsordnungen geregelt wurde.

Wie diese Organisation genau aussah, unterschied sich von Land zu Land und sogar von Stadt zu Stadt. Deshalb lässt sich nicht von der einen europäischen Schneiderwerkstatt des Barock sprechen.

Dass die Ausbildung systematisch erfolgte, lässt sich jedoch eindrucksvoll belegen.

Ein außergewöhnliches Zeugnis dafür sind die historischen Schneidertraktate, die seit dem späten 16. Jahrhundert erschienen. Sie sollten unter anderem angehenden Schneidern helfen, das Handwerk zu erlernen und die Qualifikation zum Meister zu erwerben. Ihre Verbreitung trug gleichzeitig dazu bei, bestimmte Herstellungsweisen zu vereinheitlichen.

Das Schneiderhandwerk war damit nicht nur praktische Handarbeit.

Es war Fachwissen, das gelehrt und weitergegeben wurde.

Gab es im Barock schon Schnittmuster?

Ja – allerdings nicht in der Form, in der wir Schnittmuster heute kennen.

Eines der faszinierendsten erhaltenen Zeugnisse stammt sogar noch aus der Zeit unmittelbar vor dem Barock.

1589 veröffentlichte der spanische Schneider Juan de Alcega sein Libro de geometria, practica y traça – ein Buch über Geometrie, praktische Schneiderkunst und Schnittaufstellungen. Die Library of Congress bezeichnet es als das erste in Spanien veröffentlichte Schneidertraktat.

Noch näher an unserer Epoche liegt ein Werk aus dem Jahr 1618.

Der französische, in Valencia ansässige Schneider Francisco de la Rocha Burguen veröffentlichte dort sein Werk Geometría y traça perteneciente al oficio de sastres.

Schon der Titel ist bemerkenswert:

Geometrie und Zeichnung für das Schneiderhandwerk.

Das Buch enthält Anleitungen zum Zuschnitt unterschiedlicher spanischer Kleidungsstücke sowie einiger französischer und türkischer Gewänder. Allein für Wämser sind acht Schnittaufstellungen enthalten – fünf für Männer und drei für Frauen. Ein erhaltenes Exemplar befindet sich heute im Museo del Traje in Madrid.

Damit lässt sich etwas eindeutig feststellen:

Schnittkonstruktion war bereits vor rund 400 Jahren ein hoch entwickelter Bestandteil des Schneiderhandwerks.

Historisches Schneidertraktat von Francisco de la Rocha, 1618 – Museo del Traje

Geometrie statt fertigem Papierschnitt

Wer die historischen Schnittzeichnungen betrachtet, erkennt allerdings schnell einen Unterschied zu modernen Schnittmustern.

Es gab keinen fertig ausgedruckten Mehrgrößenschnitt, der einfach auf den Stoff gelegt wurde.

Stattdessen musste der Schneider verstehen, wie ein Kleidungsstück geometrisch aufgebaut war und wie seine Teile aus einer vorhandenen Stoffbreite gewonnen werden konnten.

Die historischen Schneiderbücher zeigen deshalb nicht nur Formen einzelner Schnittteile. Sie dokumentieren zugleich deren Anordnung innerhalb einer bestimmten Stoffbreite.

Der Zuschnitt war damit eine eigene Kunst.

Denn der Schneider musste mehrere Dinge gleichzeitig beherrschen:

die Proportionen des menschlichen Körpers, die Konstruktion des Kleidungsstückes, die Eigenschaften des Stoffes und dessen möglichst sinnvolle Ausnutzung.

Gerade bei kostbaren Seidenstoffen war letzteres von großer Bedeutung.

Stoff war zu wertvoll für Verschwendung

Heute kann beim Zuschnitt eines Kleidungsstückes zwischen den Schnittteilen durchaus ungenutzter Stoff liegen.

Bei einem kostbaren historischen Gewebe sah die Sache anders aus.

Seide, Samt, Brokat oder mit Metallfäden durchwirkte Stoffe konnten einen erheblichen Teil des Wertes eines Kleidungsstückes ausmachen. Entsprechend sorgfältig musste der Schneider mit dem Material umgehen.

Historische Schnittaufstellungen zeigen eindrucksvoll, wie die einzelnen Teile innerhalb der vorhandenen Stoffbreite angeordnet wurden.

Das erklärt zugleich eine Besonderheit, die bei der Untersuchung historischer Kleidung immer wieder auffällt:

Stückeln war kein Zeichen schlechten Schneiderhandwerks.

Wenn ein kleiner zusätzlicher Stoffstreifen benötigt wurde, konnte er angesetzt werden. Entscheidend war, den wertvollen Stoff sinnvoll zu verwenden und an den sichtbaren Stellen das gewünschte Erscheinungsbild zu erzielen.

Für heutige Augen kann eine historische Schnittaufstellung deshalb beinahe wie ein Puzzle wirken.

Für den damaligen Schneider war sie wirtschaftliche Notwendigkeit und handwerkliches Können zugleich.

Vom Maß zur Form

Bevor zugeschnitten werden konnte, musste das Kleidungsstück an seinen zukünftigen Träger angepasst werden.

Die barocke Silhouette entstand dabei nicht allein durch den Oberstoff.

Unterbauten, versteifte Kleidungsstücke, Unterröcke und andere darunter getragene Schichten beeinflussten die Form des Körpers erheblich. Der Schneider musste also nicht nur den natürlichen Körper berücksichtigen, sondern die Silhouette, die durch die gesamte Kleidung entstehen sollte.

Besonders deutlich wird dies bei eng anliegenden Oberteilen.

Ein Wams, ein versteiftes Damenoberteil oder später ein körpernah gearbeitetes höfisches Gewand konnte nur dann überzeugend sitzen, wenn Schnitt und Verarbeitung aufeinander abgestimmt waren.

Dabei waren Anpassungen während der Herstellung unverzichtbar.

Schon damals galt letztlich eine Regel, die jeder Schneider bis heute kennt:

Ein Schnitt auf dem Tisch und ein Kleidungsstück am Körper sind zwei verschiedene Dinge.

Zugeschnitten wurde mit Blick auf den Stoff

Bei einfarbigem Tuch war die Lage eines Schnittteiles vergleichsweise unkompliziert.

Bei großen Seidenmustern, Damasten oder Brokaten stellte sich jedoch eine zusätzliche Frage:

Wo soll das Muster auf dem fertigen Kleidungsstück erscheinen?

Ein kostbares Gewebe war schließlich nicht nur Material, sondern Gestaltungselement.

Große Blumen, Ranken oder symmetrische Ornamente konnten die Wirkung eines Oberteils vollkommen verändern, je nachdem, wo sie platziert wurden.

Der Schneider musste deshalb Stoffverbrauch und optische Wirkung gegeneinander abwägen.

Gerade hierin zeigt sich, dass historische Schneiderei weit mehr war als das Zusammennähen einzelner Stoffteile.

Der Zuschnitt bestimmte bereits einen großen Teil des späteren Erscheinungsbildes.

Alles wurde von Hand genäht

Die Nähmaschine gehörte noch einer fernen Zukunft an.

Jede Naht eines barocken Kleidungsstückes entstand mit der Hand.

Dafür standen dem Schneider Werkzeuge zur Verfügung, die uns teilweise bis heute vertraut sind: Scheren, Nadeln, Fingerhüte, Maßhilfen, Kreide beziehungsweise Markiermittel und Bügelwerkzeuge.

Doch Handnähen bedeutete keineswegs, dass jede Naht gleich gearbeitet wurde.

Je nach Aufgabe konnten unterschiedliche Stiche und Verarbeitungstechniken verwendet werden. Eine Naht, die zwei tragende Stoffteile miteinander verband, stellte andere Anforderungen als eine Befestigung des Futters oder das Annähen eines Besatzes.

Auch musste nicht jede Naht von außen vollkommen unsichtbar sein.

Historische Kleidung war in erster Linie Gebrauchskleidung – selbst dann, wenn sie äußerst kostbar war.

Die Verarbeitung musste funktionieren.

Was heute verborgen ist, erzählt die eigentliche Geschichte

Besonders spannend wird historische Kleidung deshalb, wenn sie nicht nur von außen betrachtet wird.

Unter einem Futter, an einer Seitennaht oder im Inneren eines Ärmels lassen sich Hinweise darauf finden, wie ein Kleidungsstück konstruiert wurde.

Dort können Nahtzugaben, angesetzte Stoffstücke, Verstärkungen, frühere Nähte oder Veränderungen sichtbar werden.

Ein Kleidungsstück kann dadurch beinahe zu einem historischen Dokument werden.

Während ein Gemälde zeigt, wie Mode aussehen sollte, kann ein erhaltenes Original zeigen, wie sie tatsächlich gemacht wurde.

Und manchmal erzählt die Innenseite mehr als die Außenseite.

Ein Kleidungsstück entstand nicht unbedingt in einer einzigen Hand

Zur prachtvollen Barockmode gehörten zahlreiche Gewerke.

Der Schneider konnte für Konstruktion, Zuschnitt und Zusammensetzen des Kleidungsstückes verantwortlich sein – doch damit war die Arbeit längst nicht beendet.

Stickereien konnten von spezialisierten Stickerinnen und Stickern ausgeführt werden. Spitzen entstanden in eigenen spezialisierten Handwerken. Posamentenmacher stellten Borten, Schnüre, Fransen oder Quasten her. Auch Knöpfe konnten aufwendig gefertigte Schmuckelemente sein.

Hinzu kamen je nach Ausstattung weitere spezialisierte Handwerker.

Das fertige Gewand war deshalb häufig das Ergebnis einer ganzen Kette hoch spezialisierter Arbeit.

Genau darin lag ein Teil seines Wertes.

Mode änderte sich – der Stoff blieb wertvoll

Ein besonders moderner Gedanke der historischen Kleidung ist gleichzeitig ein sehr alter:

Kleidung wurde verändert.

Ein kostbares Kleidungsstück musste nicht verschwinden, nur weil sich die Mode änderte oder der Körper seines Besitzers veränderte.

Kleidung konnte angepasst, erweitert, umgearbeitet oder mit anderen Bestandteilen kombiniert werden. Stoffe konnten erneut verwendet werden.

Für das 18. Jahrhundert sind solche Änderungen sogar in Schneiderrechnungen dokumentiert. Eine vom Victoria and Albert Museum untersuchte Rechnung von 1779 nennt beispielsweise mehrere Änderungen an Anzügen, Westen und Hosen; ein Kleidungsstück wurde dabei ausdrücklich weiter gemacht. Das Museum verweist außerdem darauf, dass die Wiederverwendung wertvoller Textilien im 18. Jahrhundert üblich war.

Das verändert unseren heutigen Blick auf historische Kleidung.

Ein erhaltenes Gewand muss nicht zwangsläufig genauso aussehen wie an dem Tag, an dem es erstmals die Werkstatt verließ.

Es kann mehrere Leben gehabt haben.

Auch der Schnitt der Kleidung veränderte sich

Über die rund 150 Jahre, die wir in dieser Blogserie betrachten, blieb selbstverständlich auch das Schneiderhandwerk nicht stehen.

Silhouetten änderten sich – und mit ihnen die Konstruktion.

Ein besonders schönes Beispiel ist die Mantua, die sich im späten 17. Jahrhundert verbreitete. Anders als frühere stark körperbetonte Kombinationen aus Oberteil und Rock arbeitete sie stärker mit langen Stoffbahnen und Drapierungen. Ein erhaltenes britisches Exemplar von etwa 1708 im Metropolitan Museum of Art zeigt eine mantelartige Konstruktion, bei der Vorderteil, Rücken und Ärmel miteinander verbunden gedacht wurden und der Stoff durch Falten und Drapierung seine Form erhielt.

Hier zeigt sich etwas, das die gesamte Geschichte der Mode begleitet:

Verändert sich die Silhouette, verändert sich auch der Schnitt.

Was einer heutigen Schneiderin auffällt

Wer selbst näht oder Schnittkonstruktion gelernt hat, betrachtet diese historischen Quellen mit anderen Augen.

Plötzlich wirken die Menschen des 17. Jahrhunderts gar nicht mehr so weit entfernt.

Da liegt ein Stoffballen.

Es gibt eine bestimmte Stoffbreite.

Ein Körper muss vermessen werden.

Aus einer zweidimensionalen Fläche soll eine dreidimensionale Form entstehen.

Das Material darf möglichst nicht verschwendet werden.

Ein Ärmel muss in ein Armloch passen.

Zwei Seiten müssen zusammenkommen.

Ein Kleidungsstück muss am Ende nicht nur schön aussehen, sondern am Körper funktionieren.

Die Werkzeuge haben sich verändert. Unsere Stoffbreiten haben sich verändert. Schnittsysteme, Maschinen und industrielle Herstellung haben die Arbeit revolutioniert.

Das grundlegende Problem des Schneiders aber ist dasselbe geblieben:

Aus einer Fläche muss Kleidung für einen menschlichen Körper entstehen.

Und genau deshalb können historische Schnittzeichnungen für jemanden, der selbst näht, so faszinierend sein.

Man betrachtet keine abstrakten Linien aus einem vierhundert Jahre alten Buch.

Man erkennt die Gedanken eines anderen Schneiders.

Vom Stoffballen zum höfischen Gewand

Hinter der Pracht der Barockmode verbarg sich deshalb eine Welt, die auf Gemälden kaum sichtbar wird.

Bevor ein Kleid bei Hofe getragen wurde, musste Stoff ausgewählt, der Körper vermessen, ein Schnitt entwickelt, das Material zugeschnitten, zusammengenäht, angepasst, gefüttert und schließlich mit den gewünschten Verzierungen ergänzt werden.

Und hinter jedem dieser Schritte standen Menschen mit spezialisiertem Wissen.

Schneider, Sticker, Spitzenmacher, Posamentierer und zahlreiche weitere Handwerker machten aus wertvollen Materialien jene Kleidung, die wir heute mit der Barockzeit verbinden.

Die Gemälde zeigen uns das Ergebnis.

Die erhaltenen Kleidungsstücke und Schneiderbücher zeigen uns die Arbeit dahinter.

Und vielleicht ist gerade sie einer der faszinierendsten Teile der Geschichte der Barockmode.

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