Die Kunst der Verzierung – Stickerei, Spitze und Ornamente der Barockmode

Die Kunst der Verzierung – Stickerei, Spitze und Ornamente der Barockmode

Teil 6 der Serie: Die Barockmode

Nachdem wir uns im fünften Teil unserer Serie mit den kostbaren Stoffen, ihrer Herkunft, den Handelswegen und den natürlichen Farbstoffen beschäftigt haben, betrachten wir nun, was viele barocke Gewänder erst zu wirklichen Luxusobjekten machte: ihre Verzierungen.

Stickereien aus Seide und Metallfäden, kostbare Spitzen, Borten, Posamenten, Schleifen und aufwendig gearbeitete Knöpfe konnten ein Kleidungsstück erheblich aufwerten. Besonders an den europäischen Höfen war Kleidung nicht allein eine Frage des persönlichen Geschmacks. Sie konnte Wohlstand, gesellschaftlichen Rang und die Fähigkeit zeigen, an der aufwendigen höfischen Repräsentationskultur teilzunehmen.

Dabei dürfen wir uns die Barockmode zwischen etwa 1600 und 1750 nicht als einen einzigen, unveränderlichen Stil vorstellen. Formen und Dekorationen wandelten sich während dieser rund 150 Jahre erheblich und unterschieden sich zudem nach Region, Anlass und gesellschaftlicher Stellung.

Stickerei – mit Nadel und Faden zum Luxusobjekt

Stickerei gehörte zu den wirkungsvollsten Möglichkeiten, einen Stoff zu veredeln. Neben farbigen Seidenfäden kamen für besonders kostbare Arbeiten auch Metallfäden und metallische Elemente zum Einsatz.

Gold- und Silberwirkung konnte auf unterschiedliche Weise erzeugt werden. Metallmaterial wurde beispielsweise auf die Oberfläche des Stoffes gelegt und mit kleinen Stichen befestigt, anstatt wie gewöhnliches Garn ständig durch den Stoff gezogen zu werden. Andere Techniken arbeiteten mit spiralförmig gewundenem Metalldraht, kleinen Metallplättchen oder zusätzlichen plastischen Elementen.

Dadurch konnten Ornamente entstehen, die das Licht reflektierten und sich deutlich von der Oberfläche des Stoffes abhoben. Gerade bei festlicher und zeremonieller Kleidung verstärkte dieser Glanz die repräsentative Wirkung des Gewandes.

Erhaltene Arbeiten zeigen, wie weit diese Techniken entwickelt waren. Neben Seide und Leinen verwendeten Sticker unter anderem Metall, Draht und unterschiedliche Unterfütterungen, um einzelne Formen plastisch hervorzuheben.

Die Sprache der Ornamente

Wer barocke Textilien und Spitzen genauer betrachtet, entdeckt bestimmte Formen immer wieder.

Besonders bedeutend war die Pflanzenwelt. Blüten, Blätter und geschwungene Ranken eigneten sich hervorragend, um größere Flächen oder schmale Kanten rhythmisch zu gestalten.

Zu den nachweisbaren Motiven gehören unter anderem Tulpen, Nelken, Lilien, Narzissen, Disteln und Granatäpfel. Ein erhaltenes venezianisch beeinflusstes Spitzenstück aus den 1670er-Jahren zeigt beispielsweise große stilisierte Blätter und Blüten an geschwungenen Stängeln.

Auch kräftige, geschwungene Blattornamente – darunter Formen, die an Akanthus erinnern – begegnen uns in der barocken Textilkunst. Auf einem italienischen bestickten Seidengewebe des späten 17. Jahrhunderts ziehen sich beispielsweise große grüne Akanthusblätter zusammen mit Tulpen und weiteren Blüten über den Stoff.

Die Natur wurde dabei nicht unbedingt botanisch exakt kopiert. Blüten und Blätter konnten vereinfacht, vergrößert, miteinander kombiniert oder zu ornamentalen Ranken umgestaltet werden.

Gerade diese Verbindung von Natur und Ornament ist charakteristisch für viele luxuriöse Textilien der Zeit.

Hatten die Motive eine Bedeutung?

Hier ist etwas Vorsicht angebracht.

Blumen, Früchte und andere Motive konnten durchaus symbolische oder religiöse Bedeutungen besitzen. Ein Granatapfel konnte beispielsweise in bestimmten Zusammenhängen anders verstanden werden als eine rein dekorative Blüte.

Wir sollten jedoch nicht davon ausgehen, dass jedes gestickte Motiv auf einem Kleidungsstück automatisch eine geheime Botschaft trug.

Viele Muster wurden gewählt, weil sie modisch waren, sich besonders gut für textile Flächen eigneten oder weil bestimmte ornamentale Formen dem Geschmack ihrer Zeit entsprachen.

Die Bedeutung eines Motivs lässt sich deshalb nur zusammen mit seinem historischen Zusammenhang zuverlässig beurteilen.

Spitze – Luxus aus Leinenfaden

Kaum ein anderes Detail prägte die elegante Kleidung des 17. Jahrhunderts so deutlich wie Spitze.

Sie erschien an Kragen, Manschetten, Hauben und anderen Kleidungsbestandteilen und wurde von Männern ebenso wie von Frauen getragen.

Grundsätzlich müssen verschiedene Herstellungstechniken unterschieden werden. Besonders wichtig waren Nadelspitze und Klöppelspitze.

Bei der Nadelspitze wurde das Muster mit Nadel und Faden aufgebaut. Bei der Klöppelspitze wurden zahlreiche auf kleinen Klöppeln aufgewickelte Fäden miteinander verflochten.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts veränderte sich auch die Gestaltung der Spitze. Auf eher geometrische Formen des frühen Jahrhunderts folgten zunehmend plastischere und floralere Muster.

Italien gehörte während eines großen Teils des 17. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Produzenten besonders hochwertiger Spitze. Venedig wurde insbesondere für seine kräftige, plastisch wirkende Gros Point de Venise berühmt. Auch in Flandern entstanden im späteren 17. Jahrhundert hochwertige Spitzen. In Frankreich wurde die eigene Spitzenproduktion unter Jean-Baptiste Colbert ab den 1660er-Jahren gezielt gefördert.

Wie wertvoll solche Arbeiten waren, zeigt ein eindrucksvolles Beispiel aus England: Für die Krönung Jakobs II. im Jahr 1685 wurde eine kostbare Spitzenkrawatte angeschafft, deren Preis nach Angaben des Victoria and Albert Museum ungefähr dem sechswöchigen Einkommen eines Gentleman entsprach.

Spitze war damit weit mehr als eine hübsche Verzierung. Sie konnte selbst einen beträchtlichen materiellen Wert darstellen und wurde deshalb weiterverwendet, angepasst und neu kombiniert, wenn sich die Mode änderte.

Von der Stickerei zur Spitze

Besonders interessant ist, dass die Geschichte von Stickerei und Spitze eng miteinander verbunden ist.

Bei frühen Durchbrucharbeiten wurden zunächst einzelne Fäden aus einem Leinengewebe entfernt. Später schnitt man größere Bereiche des Grundstoffes heraus und sicherte die verbleibenden Formen mit Stickstichen.

Aus solchen Techniken entwickelte sich unter anderem die Reticella. Mit der Zeit wurde der textile Untergrund immer weniger wichtig, bis Ornamente nahezu vollständig aus dem mit der Nadel aufgebauten Fadengefüge bestehen konnten – ein wichtiger Schritt zur Nadelspitze.

Im 17. Jahrhundert konnten sogar einzelne Blütenblätter und Blätter separat als Nadelarbeit hergestellt und anschließend auf Stickereien befestigt werden. Mithilfe von Draht und Unterfütterungen ließen sich diese Elemente leicht über die Oberfläche erheben und dreidimensional formen.

Borten, Galons und Posamenten

Nicht jede Verzierung wurde direkt in den Stoff gestickt.

Eine weitere bedeutende Gruppe bildeten Posamenten – textile Schmuckelemente wie Borten, Kordeln, Fransen und Quasten. Hinzu kamen metallisch wirkende Besätze und aufwendig gearbeitete Kanten.

Solche Elemente konnten entlang von Vorderkanten, Taschen, Ärmeln oder Säumen angebracht werden und halfen dabei, die Schnittlinien eines Kleidungsstückes optisch hervorzuheben.

Besonders wirkungsvoll war die Kombination verschiedener Materialien: glänzende Seide, Metallstickerei, strukturierte Borten und Spitze reagierten unterschiedlich auf Licht und Bewegung. Gerade bei höfischer Kleidung konnte dadurch eine ausgesprochen reiche Oberfläche entstehen.

Schleifen und Bänder

Auch Bänder und Schleifen spielten in der Mode des 17. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.

Sie konnten Verschlüsse bilden, Kleidungsstücke zusammenhalten oder ausschließlich dekorativ eingesetzt werden. Je nach Jahrzehnt änderten sich Anzahl, Größe und Platzierung erheblich.

Bei manchen Moden wurden zahlreiche Bandschleifen geradezu demonstrativ eingesetzt. In anderen Phasen konzentrierte sich die Dekoration stärker auf bestimmte Bereiche des Kleidungsstückes.

Deshalb gilt auch hier: Eine typische „Barockschleife“ für die gesamten Jahre von 1600 bis 1750 gibt es nicht. Ein Kleidungsstück sollte immer möglichst genau innerhalb seiner Entstehungszeit betrachtet werden.

Knöpfe – viel mehr als ein Verschluss

Besonders in der Herrenmode wurden Knöpfe zu einem wichtigen Gestaltungselement.

Die langen Röcke und Justaucorps des späteren 17. und frühen 18. Jahrhunderts boten viel Raum für regelmäßige Knopfreihen. Knöpfe konnten mit Stoff überzogen, bestickt oder aus kostbaren beziehungsweise metallisch wirkenden Materialien gefertigt werden.

Dabei musste nicht jeder sichtbare Knopf tatsächlich einen funktionalen Verschluss bilden.

Die Wiederholung der Knöpfe erzeugte einen Rhythmus entlang der Vorderkante und konnte zusammen mit Stickereien und Borten die Linienführung eines Kleidungsstückes betonen.

Ein scheinbar kleines Detail wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil der Gesamtgestaltung.

Verzierung war auch eine Frage des gesellschaftlichen Ranges

Die kostbarsten Formen der Verzierung waren teuer – nicht nur wegen der verwendeten Materialien, sondern vor allem wegen der dafür notwendigen Arbeitszeit und des spezialisierten Wissens.

Wie stark luxuriöse Kleidung gesellschaftlich wahrgenommen wurde, zeigen auch zeitgenössische Versuche, den Aufwand zu begrenzen. In Frankreich untersagte Ludwig XIII. 1633 unter anderem bestimmte luxuriöse Kleidungsverzierungen wie Silber- und Goldstickerei sowie bestimmte Spitzenarbeiten. Eine zeitgenössische Darstellung von Abraham Bosse nimmt genau diese Vorschriften und ihre Folgen für modisch gekleidete Höflinge zum Thema.

Solche Regelungen zeigen, welche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung textile Pracht besitzen konnte.

Ein reich verziertes Kleidungsstück war nicht einfach nur „schön“. Material, Arbeitsaufwand und handwerkliche Qualität konnten für andere Menschen unmittelbar sichtbar machen, dass sein Besitzer über erhebliche finanzielle Mittel verfügte.

Ein Luxus, der bewahrt wurde

Gerade weil hochwertige Textilien und Verzierungen so wertvoll waren, wurden Kleidungsstücke nicht zwangsläufig weggeworfen, sobald sie aus der Mode kamen.

Kostbare Spitzen konnten abgenommen und neu verwendet werden. Kleidungsstücke wurden verändert, weitergegeben und an neue modische Anforderungen angepasst. Das Rijksmuseum zeigt anhand erhaltener Kleidung, dass hochwertige Stücke über Generationen getragen, repariert und umgearbeitet werden konnten.

Das verändert auch unseren heutigen Blick auf historische Mode.

Was wir in Museen sehen, muss nicht immer exakt dem ursprünglichen Zustand eines Kleidungsstückes entsprechen. Stoffe und Verzierungen konnten bereits in früheren Jahrhunderten eine eigene Geschichte von Nutzung, Veränderung und Wiederverwendung durchlaufen haben.

Vom Barock zum Rokoko

Im frühen 18. Jahrhundert veränderte sich die Ornamentik allmählich.

Die schwere, repräsentative Wirkung des Hochbarock verschwand nicht plötzlich. Doch Formen konnten leichter, feiner und bewegter werden. Geschwungene Linien, kleinere Blüten, Ranken und zunehmend spielerische Kompositionen kündigten eine neue ästhetische Richtung an.

Aus dem monumentalen Formgefühl des Barock entwickelte sich Schritt für Schritt jene leichtere und verspieltere Ornamentwelt, die wir heute besonders mit dem Rokoko verbinden.

Die Grenze zwischen beiden Epochen lässt sich deshalb in der Mode nicht auf ein einzelnes Jahr festlegen.

Die Pracht der Barockmode entstand nicht allein durch kostbare Seide, Samt oder Brokat.

Erst Stickerei, Spitze, Borten, Posamenten, Bänder, Knöpfe und weitere dekorative Arbeiten verwandelten viele höfische Kleidungsstücke in aufwendig gestaltete Gesamtkunstwerke.

Hinter einem reich verzierten Gewand standen zahlreiche Stunden spezialisierter Handarbeit. Gleichzeitig verraten uns die erhaltenen Ornamente viel über den Geschmack ihrer Zeit: über die Begeisterung für Blumen und Ranken, für glänzende Oberflächen, plastische Strukturen und das Spiel des Lichtes auf kostbaren Materialien.

Wer ein barockes Gewand betrachtet, sollte deshalb auch auf die kleinen Dinge achten.

Auf einen gestickten Zweig. Eine winzige Blüte. Eine Reihe verzierter Knöpfe. Die feinen Stege einer Spitze oder einen metallisch glänzenden Faden.

Denn gerade in diesen Details zeigt sich die außergewöhnliche Handwerkskunst der Barockmode.

Im nächsten Teil unserer Serie widmen wir uns den Accessoires der Barockzeit: Perücken, Hüten, Schuhen, Fächern, Handschuhen und Schmuck – und der Frage, welche Bedeutung diese Dinge innerhalb eines vollständigen barocken Erscheinungsbildes hatten.

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