Das Ende der Barockmode – Wie sich eine Epoche verwandelte

Das Ende der Barockmode – Wie sich eine Epoche verwandelte

Wenn wir heute von Barockmode und Rokokomode sprechen, entsteht leicht der Eindruck, als hätte die eine Epoche aufgehört und am nächsten Tag die andere begonnen.

So funktionierte Mode jedoch nicht.

Es gab keinen Moment, an dem die Menschen ihre barocke Kleidung ablegten und plötzlich Rokoko trugen.

Stattdessen veränderten sich Silhouetten, Schnitte, Stoffe und Dekorationen über Jahrzehnte. Manche Formen verschwanden, andere wurden weiterentwickelt, und wieder andere bildeten die Grundlage für Kleidungsstücke, die später charakteristisch für das 18. Jahrhundert wurden.

Gerade die Zeit um 1700 bis etwa 1750 zeigt deshalb besonders deutlich:

Modeepochen haben keine scharfen Grenzen. Sie verwandeln sich.

Und genau diese Verwandlung bildet den Abschluss unserer Reise durch die Welt der Barockmode.

Um 1700 – die große höfische Mode lebt weiter

Um 1700 war die höfische Kultur, die besonders unter Ludwig XIV. geprägt worden war, noch keineswegs verschwunden.

Am französischen Hof und an zahlreichen europäischen Höfen blieb Kleidung ein wichtiges Mittel gesellschaftlicher Repräsentation. Kostbare Seidenstoffe, Stickereien, Spitzen und aufwendige Accessoires machten Rang und Wohlstand sichtbar.

Auch die Grundformen der Kleidung, die sich im späten 17. Jahrhundert entwickelt hatten, bestanden zunächst weiter.

Bei den Männern hatte sich die Kombination aus langem Rock beziehungsweise Justaucorps, Weste und Kniehose etabliert. Diese Dreiteilung sollte die Herrenmode noch weit durch das 18. Jahrhundert bestimmen. Französische Hofmode übte dabei weiterhin erheblichen Einfluss auf die Eliten Europas aus.

Auch die Damenmode trug viele Elemente des späten 17. Jahrhunderts in das neue Jahrhundert hinein.

Doch gerade hier hatte bereits eine Veränderung begonnen.

Die Mantua – ein Kleid zwischen zwei Modewelten

Eine der wichtigsten Kleidungsformen dieses Übergangs war die Mantua.

Die Mantua kam im späten 17. Jahrhundert, etwa ab den 1670er Jahren, auf. Anders als viele ältere Kleidungsformen bestand sie nicht aus einem separat zugeschnittenen, eng anliegenden Oberteil mit einem davon unabhängigen Rock. Stattdessen wurde sie aus langen Stoffbahnen gearbeitet, die von den Schultern bis zum Boden reichten.

Ursprünglich fiel die Mantua relativ locker vom Oberkörper herab. Sie wurde über einem Mieder beziehungsweise einer formenden Unterkonstruktion und einem Unterrock getragen. Der vordere Bereich blieb geöffnet, sodass das darunterliegende Mieder und der Unterrock sichtbar sein konnten.

Besonders charakteristisch war die Art, wie der große Stoffreichtum des Kleides verarbeitet wurde. Die langen Stoffbahnen wurden nicht einfach körpernah zugeschnitten. Stattdessen konnten sie gefaltet, drapiert und gerafft werden. Teile des Rockes wurden nach hinten oder seitlich hochgenommen und befestigt, wodurch sich die Stofffülle im Rücken sammelte und häufig eine Schleppe entstand.

Gerade darin lag eine Besonderheit der Mantua: Der kostbare Stoff blieb in großen zusammenhängenden Flächen erhalten. Seine Musterung und Qualität konnten dadurch besonders gut zur Wirkung kommen.

Im Laufe der Zeit veränderte sich die Mantua jedoch erheblich. Aus dem zunächst vergleichsweise locker fallenden Kleid entwickelte sich um 1700 eine zunehmend formelle und repräsentative Kleidungsform. Schnitt, Drapierung und Rockform wurden stärker strukturiert, und die Mantua wurde auch Bestandteil der höfischen und zeremoniellen Kleidung.

Ein erhaltenes britisches Beispiel aus der Zeit um 1708 zeigt sehr schön, dass diese Kleidungsform tatsächlich zwei Jahrhunderte miteinander verbindet. Das Metropolitan Museum datiert die Entstehung der Mantua bereits in die späten 1670er Jahre und beschreibt ihre weitreichende Bedeutung für die Mode des folgenden Jahrhunderts.

Das ist besonders interessant.

Denn die Mantua entstand noch in der Modewelt des 17. Jahrhunderts – doch das Prinzip eines von den Schultern ausgehenden, aus langen Stoffbahnen konstruierten Kleides wurde im frühen 18. Jahrhundert weiterentwickelt.

Aus diesen Entwicklungen gingen schließlich neue Robenformen hervor.

Die neue Mode entstand aus der alten.

Eine neue Silhouette entsteht

Im frühen 18. Jahrhundert begann sich die Silhouette der Frauenkleidung zunehmend zu verändern.

Eine besonders auffällige Entwicklung war die Robe volante, auch unter verwandten zeitgenössischen Bezeichnungen bekannt.

Anders als ein eng anliegendes Oberteil konnte diese Kleidform weit und locker von den Schultern herabfallen. Große Stoffbahnen und Falten erzeugten eine fließende Silhouette.

Um 1730 war die Robe volante bereits eine wichtige Modeerscheinung. Ein erhaltenes französisches Exemplar im Metropolitan Museum wird ausdrücklich als Übergangsform zwischen der Mantua des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts und der später so bedeutenden Robe à la française beschrieben.

Damit lässt sich die Entwicklung beinahe wie eine modische Abstammungslinie verfolgen:

Mantua → Robe volante → Robe à la française

Natürlich war Mode in Wirklichkeit komplexer als eine solche Linie. Gleichzeitig existierten unterschiedliche Kleidungsformen, und regionale sowie gesellschaftliche Unterschiede spielten eine Rolle.

Aber diese Entwicklung macht sichtbar, wie aus Formen des späten Barock Schritt für Schritt Kleidungsformen hervorgingen, die wir heute stark mit dem 18. Jahrhundert verbinden.

Die Robe volante – Stoff wird zur Silhouette

Die Robe volante ist auch aus einem anderen Grund faszinierend.

Bei ihr wurde der Stoff selbst zu einem wesentlichen Gestaltungsmittel.

Große, teilweise nahezu ununterbrochene Stoffflächen boten viel Raum für die Wirkung kostbarer Seidenmuster. Das Metropolitan Museum hebt gerade diese großen Stoffflächen als charakteristisches Merkmal der erhaltenen Robe volante um 1730 hervor.

Unter dem Kleid wurden formende Unterbauten getragen.

Reifartige Konstruktionen beziehungsweise Paniers vergrößerten zunehmend das Volumen des Rockes. Aus zunächst runderen Formen entwickelten sich im Laufe des Jahrhunderts die charakteristischen seitlich verbreiterten Silhouetten.

Damit verschob sich die Wirkung der Kleidung.

Die Silhouette wurde nicht einfach kleiner oder weniger aufwendig als im Barock.

Sie wurde anders konstruiert.

Von der Robe volante zur Robe à la française

Aus der zunächst lockeren Robe volante entwickelte sich eine der bekanntesten Kleidungsformen des 18. Jahrhunderts:

die Robe à la française.

Charakteristisch waren die vom Rücken herabfallenden Falten, während sich das Kleid im Laufe seiner Entwicklung stärker an den Oberkörper anschmiegte.

Der Rock konnte vorne geöffnet sein und einen dekorativen Unterrock sichtbar werden lassen. Unter der Kleidung sorgten Paniers für die charakteristische Breite an den Hüften.

Das Metropolitan Museum beschreibt die Robe à la française als eine geradezu typische Kleidungsform des 18. Jahrhunderts. Ihre Herkunft liegt jedoch in den lockereren Sack- beziehungsweise Robenformen des frühen Jahrhunderts.

Und genau darin zeigt sich wieder:

Was wir später als Rokokomode erkennen, entstand nicht aus dem Nichts.

Viele ihrer konstruktiven Grundlagen reichen in die Mode des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts zurück.

Aus Barock wird Rokoko

Auch die ästhetische Wirkung der Kleidung veränderte sich.

Die Mode des mittleren 18. Jahrhunderts verbinden wir heute häufig mit:

helleren und leuchtenden Farben,

floralen Seidenmustern,

feineren Dekorationen,

Spitzen,

Schleifen,

Blumen,

geschwungenen Ornamenten

und einer insgesamt spielerischeren Wirkung.

Besonders in den 1740er und 1750er Jahren wird der Einfluss dessen deutlich, was kunsthistorisch als Rokoko bezeichnet wird. Florale Seiden, breite Paniers und aufwendig arrangierte Besätze prägen viele erhaltene Gewänder dieser Zeit.

Aber auch hier ist Vorsicht nötig.

Nicht jedes Kleid von 1720 ist automatisch „Rokoko“, genauso wenig wie jede Kleidung um 1700 eindeutig nur einer einzigen Stilbezeichnung zugeordnet werden kann.

Bezeichnungen wie Barock und Rokoko sind nachträgliche Ordnungssysteme.

Die Menschen selbst erlebten ihre Kleidung nicht als sauber voneinander getrennte Museumsepochen.

Sie erlebten Mode.

Und Mode verändert sich schrittweise.

Auch die Herrenmode verändert ihre Proportionen

Bei den Männern ist der Übergang weniger spektakulär, aber ebenso interessant.

Die Grundkombination aus Rock, Weste und Kniehose blieb bestehen.

Was sich veränderte, waren vor allem Schnitt, Länge, Volumen und Dekoration.

Frühere Röcke konnten noch deutlich ausladendere Schöße besitzen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Silhouette zunehmend schmaler und körpernäher.

Ein erhaltenes italienisches Ensemble aus der Zeit 1740–1760 zeigt beispielsweise einen geschwungenen vorderen Rocksaum, schmale Ärmel, körpernahe Kniehosen und eine etwa bis zur Mitte des Oberschenkels reichende Weste.

Die Herrenmode wurde also nicht vollständig neu erfunden.

Sie wurde weiterentwickelt.

Das Kleidungsprinzip, das im späten 17. Jahrhundert entstanden war, blieb bestehen, während sich seine Proportionen immer wieder veränderten.

Frankreich bleibt wichtig – aber Europa kleidet sich nicht überall gleich

Frankreich blieb im 18. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum modischer Orientierung.

Doch daraus sollte nicht geschlossen werden, dass ganz Europa identisch gekleidet war.

England entwickelte eigene Vorlieben. Italien, Spanien, die deutschen Territorien und andere Regionen besaßen ebenfalls eigene Traditionen und Varianten.

Das Metropolitan Museum weist ausdrücklich darauf hin, dass die Mode des 18. Jahrhunderts nicht allein aus der Perspektive von Paris und dem französischen Hof verstanden werden sollte. Gleichzeitig hatte sich französischer Geschmack bereits einen außergewöhnlich starken internationalen Einfluss erworben.

Hinzu kam eine immer stärker vernetzte Welt.

Europäische Kleidung wurde durch internationale Handelsbeziehungen beeinflusst. Seiden und andere Waren gelangten über weite Strecken nach Europa, und Motive sowie Materialien verschiedener Kulturen begegneten sich zunehmend.

Ein Beispiel dafür sind chinesische Exportseiden, die eigens für den europäischen Markt hergestellt wurden und in europäischen Kleidungsstücken Verwendung fanden.

Mode war damit längst ein internationales Phänomen.

Was vom Barock blieb

Betrachtet man die Entwicklung bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, könnte man zunächst glauben, die Barockmode sei verschwunden.

Doch vieles blieb.

Die große Bedeutung kostbarer Textilien blieb.

Die Kunst der Stickerei blieb.

Spitze blieb.

Das Zusammenspiel aus Unterkonstruktion und Obergewand blieb.

Die handwerkliche Kunst des Schneiders blieb.

Auch die grundlegende Struktur der männlichen Hofkleidung wurde weitergeführt.

Und selbst neue Kleidungsformen entwickelten sich häufig aus bereits vorhandenen Schnitten und Konstruktionsprinzipien.

Das Rokoko löschte die Barockmode deshalb nicht aus.

Es wuchs aus ihr hervor.

Eine Mode verschwindet nie an einem einzigen Tag

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis am Ende unserer Reise.

Wir möchten historische Mode gerne in klare Schubladen einordnen:

Renaissance.

Barock.

Rokoko.

Klassizismus.

Doch ein Mensch, der im Jahr 1715 morgens seine Kleidung anzog, dachte nicht:

Heute beginnt eine neue Modeepoche.

Er trug Kleidung, die ihm vertraut war.

Einige Jahre später veränderten sich vielleicht die Ärmel.

Der Rock bekam eine andere Form.

Die Weste wurde kürzer.

Eine neue Frisur wurde modern.

Ein Stoffmuster wirkte plötzlich altmodisch.

Eine neue Kleidform erschien.

Und irgendwann war die Welt der Mode eine andere geworden.

Nicht durch einen einzigen Bruch.

Sondern durch unzählige kleine Veränderungen.

Von 1600 bis 1750 – 150 Jahre Mode im Wandel

Wenn wir nun an den Anfang unserer Reihe zurückkehren, liegt eine erstaunliche Entwicklung vor uns.

Um 1600 begegnen uns noch Formen, die deutlich von der Mode der Renaissance geprägt sind.

Im frühen 17. Jahrhundert verändern sich Silhouetten und Proportionen.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gewinnt die französische Hofmode zunehmend an internationaler Bedeutung.

Unter Ludwig XIV. wird Kleidung zu einem besonders eindrucksvollen Mittel höfischer Repräsentation.

Gegen Ende des Jahrhunderts entstehen Kleidungsformen wie die Mantua, die bereits weit in das nächste Jahrhundert hineinweisen.

Nach 1700 entwickeln sich neue Silhouetten.

Die Robe volante erscheint.

Paniers verändern die Körperform.

Aus diesen Entwicklungen entsteht schließlich die Robe à la française.

Und spätestens um die Mitte des 18. Jahrhunderts befinden wir uns in jener Modewelt, die heute besonders stark mit dem Rokoko verbunden wird.

Aus rund 150 Jahren Modegeschichte wird damit keine Aneinanderreihung einzelner Kleider.

Es wird eine Entwicklung.

Die Welt der Barockmode

In den neun Teilen dieser Reihe haben wir gesehen, wie eng Kleidung mit ihrer Zeit verbunden war.

Mit Politik und höfischer Gesellschaft.

Mit Handel und kostbaren Rohstoffen.

Mit Seidenweberei und Färberei.

Mit Stickerei und Spitze.

Mit Perücken, Schuhen, Schmuck und Accessoires.

Mit Schnittkonstruktion und Schneiderhandwerk.

Und schließlich mit einem ständigen Wandel, aus dem neue Mode entstand.

Hinter einem barocken Gewand steckt deshalb weit mehr als eine außergewöhnliche Silhouette.

Es steckt eine ganze Welt darin.

Die Menschen, die die Seide herstellten.

Diejenigen, die sie färbten.

Die Sticker, Spitzenmacher und Posamentierer.

Die Schneider, die aus einer flachen Stoffbahn ein Kleidungsstück formten.

Die Händler, die Materialien über große Entfernungen transportierten.

Und schließlich die Menschen, die diese Kleidung trugen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum historische Mode bis heute so faszinierend ist.

Ein Kleidungsstück erzählt nicht nur, was Menschen trugen.

Es erzählt, wie sie lebten.

Und damit endet unsere Reise durch The World of Baroque Fashion.

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